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Mit dem Notarzt-Einsatzfahrzeug 2/82-1 durch die Silvesternacht

 

04.01.2014

Wer als Presse einen Notarzt mit Rettungsassistenten eine Silvester-Nacht lang begleiten darf, der erhält nicht nur eine Extra-Versicherung,…


Rettungsassistenten neben dem Notarztwagen
Foto Alex
…sondern auch eine Schutzkleidung: Ein Paar Schuhe mit Stahlkappen, Hose und Jacke in Orange mit einem Schild „Presse“, dazu ein weißes T-Shirt und zwei Pullover mit der Aufschrift „Deutsches Rotes Kreuz“.  In dieser Nacht bin ich mit dem Notarzt-Einsatz-Fahrzeug mit der Kennung 2/82-1 unterwegs: „2“ steht für „Heidelberg“, „82“ für „Notarzt-Einsatz“ und „1“ für eines von drei Heidelberger Fahrzeugen mit dem Standort nahe der Chirurgischen Klinik. Genau 2931 Einsätze wurden mit diesem Fahrzeug im vergangenen Jahr gefahren, etwa acht Einsätze pro Tag. An Silvester ist mehr los: Notärztin Dr. Susanne Frankenhauser hat von sieben Uhr morgens bis zum nächsten Morgen um sieben Uhr Dienst – mit fast 20 Einsätzen. Die Schicht des Rettungsassistenten Jürgen Klare dauert „nur“  von 20 Uhr abends bis sechs Uhr am nächsten Tag, bei mehr als zehn Einsätzen ist er dabei.

19.58 Uhr: Ich habe gerade die Schutz-Kleidung angezogen, da wird das Team 2/82-1 zum Einsatz gerufen: Es geht in ein Heim für betreutes Wohnen: Ein 39 Jahre alter Bewohner ist bewusstlos geworden und damit ein „Fall“ für den Einsatz der Notärztin. Das NEF (Notarzt-Einsatz-Fahrzeug) fährt mit Blaulicht, noch nie war ich so rasch von einem Ort zum anderen unterwegs wie in dieser Nacht. „Wenn Ihnen schlecht wird, sagen Sie Bescheid“, sagt Dr. Frankenhauser. Mir wird mulmig, aber im Laufe der Nacht gewöhne ich mich an das Tempo. Bei unserer Ankunft ist der Patient wieder bei Bewusstsein, hat aber Krampf-Anfälle. Das Team eines Rettungswagens (vgl. Kasten) ist schon da, der Patient erhält eine Elektrolyt-Lösung für den Kreislauf, dann wird er per Rollstuhl in den Rettungswagen gebracht. Fürsorglich bittet Rettungsassistent Jürgen Klare einen Betreuer, den Patienten zu begleiten, damit der Behinderte in der Klinik nicht allein sein wird.   
Im NEF-Fahrzeug darf ich „vorne“ sitzen, während die Notärztin den Patienten im Rettungswagen betreut. Dann trifft der nächste Notruf ein, ein Brand in Wieblingen. Der Krampf-Patient ist so stabil, dass die Notärztin unterwegs vom Rettungswagen in das NEF wechselt – und ich von „vorne“ nach „hinten“. Um 20.50 Uhr sind wir in Wieblingen, drei Feuerwehr-Fahrzeuge stehen bereit. Eine Familie wollte Silvester mit einem Fondue feiern. Weil der elektrische Fondue-Grill zu langsam war, wurde auf dem Herd Fett erhitzt, das in Brand geriet. Zwar hatten die vier Party-Teilnehmer das Fett selbst gelöscht, aber sie hatten giftige Dämpfe eingeatmet. Noch im Rettungswagen erhalten sie über Masken Sauerstoff, bevor sie in die Rudolph-Krehl-Klinik gebracht werden.

Gegen 23 Uhr Uhr: Ein 89 Jahre alter Mann wollte mit den Zähnen eine Flasche öffnen und hat den Deckel eingeatmet oder verschluckt. Als Dr. Susanne Frankenhauser mit Jürgen Klare eintrifft, ist der Patient gut ansprechbar, klagt aber über ein ungutes Gefühl auf der Höhe der Lungen. Er wird zur Beobachtung in die Klinik gebracht.
Nach unserer Rückkehr zum NEF-Stützpunkt gibt es eine Verschnauf-Pause. Dr. Susanne Frankenhauser hat in Heidelberg Medizin studiert, seit anderthalb Jahren ist die Anästhesistin etwa zweimal im Monat als Notärztin unterwegs: „Jeder Einsatz ist anders, man muss ein Alles-Könner sein.“ Notfälle mit Kindern gehen ihr nahe. So hat sie tagsüber ein Kind versorgt, das bei einer Burg aus großer Höhe gestürzt war und sich einen Bruch zugezogen hatte. Jetzt, in der Pause besucht die Ärztin das Kind und ist beruhigt. Der Junge ist nach der Operation aus der Narkose gut aufgewacht, seine Mutter ist bei ihm.

Mitternacht: Dr. Susanne Frankenhauser und Jürgen Klare (er ist seit 1989 dabei) haben eine Patientin ins St. Josefskrankenhaus eingeliefert, die in der Nähe der Theodor-Heuss-Brücke nach einem Maracuja-Saft einen allergischen Schock mit Herzrasen und Atemnot erlitten hatte. Die 25 Jahre alte Frau hat ein Medikament bekommen, das die Schleimhäute der Atemwege abschwellen lässt. „Es ist wichtig, diese Medikamente rechtzeitig zu geben, bevor die Atemnot zu groß wird“, so Dr. Frankenhauser. Im Innenhof des Krankenhauses wünschen sich die Ärztin und der Rettungsassistent von Herzen ein gutes, neues Jahr.

Dann geht's zur Alten Brücke: Menschen beschießen rücksichtslos das Notfall-Fahrzeug mit Feuerwerkskörpern. Ein Mann ist verärgert: „Zweimal habe ich angerufen, damit jemand zu Hilfe kommt.“ Durch die Menge bahnt sich das Team den Weg in eine Seitengasse, betritt ein Haus und klettert die steilen Stufen einer Wendeltreppe hinauf. Fehlalarm! Der Koma-Patient ist aus dem Alkohol-Rausch von alleine erwacht und schaut lächelnd ins neue Jahr hinein. „Danke, dass Sie gekommen sind“, sagt der Mann, der den Notruf abgesendet hatte.

Es geht zurück zum NEF-Stützpunkt. Dort ist die Stimmung gedrückt: Ein 25 Jahre alter Mann hatte auf einem Dach per Handy telefoniert, dann trat er einen Schritt zurück, so dass er viele Meter in die Tiefe stürzte. Ein anderes NEF-Team hatte den Mann wiederbelebt. „Ich habe so geschwitzt, ich bin klatschnass“, sagt die Rettungsassistentin dieses Teams. Ärzte ringen im Schock-Raum der Chirurgie um das Leben des Mannes. Sie werden den Kampf verlieren. Die Nachricht spricht sich wie ein Lauffeuer herum, denn der Mann war Medizinstudent und hatte zuvor im Uniklinikum gearbeitet. In der Trauer um den Toten und in dem Mitgefühl für die Angehörigen verschmelzen die Mitarbeiter des riesigen Klinikums zu einer Familie.

Um 1.37 Uhr: Das NEF-Team 2/82-1 wird in den Odenwald gerufen. Bei den Serpentinen wird mir erneut komisch. Endlich, dank GPS, haben wir das abgelegene Haus gefunden. Die Ehefrau hatte um Hilfe gebeten, weil sie bei ihrem Mann einen Herzinfarkt vermutete. Der Mann streitet alles ab. Er sagt: „Ich will nicht in die Klinik, ich will hier bleiben.“ Sie weint: „Ich habe Angst, ich liebe dich.“ Die Ärztin kann den Patienten überzeugen, in die Klinik mitzufahren. Während eine Melodie von Deep Purple aus dem Radio erklingt, folgen Jürgen Klare und ich im NEF dem Rettungswagen, in dem Notärztin Dr. Frankenhauser den Herz- Patienten überwacht.

Um 4.27 Uhr: Auf dem Emmertsgrund ist ein Mann mit dem Genick auf eine Tischkante gefallen und klagt über so große Schmerzen, dass er nicht transportiert werden kann. Ein Bekannter wartet auf der Straße, so dass das 2/82-1-Team rasch das Stockwerk in dem Hochhaus findet. Die Ärztin ist erleichtert: Der Patient, Jahrgang 1987, kann Hände und Füße bewegen, es liegt vermutlich keine Lähmung vor. Dann verabreicht die Ärztin dem Mann ein Schmerzmittel. Es gibt Probleme mit dem Aufzug, der für eine Trage (knapp) zu schmal ist. Also muss der Patient die Treppe nach unten getragen werden, jede Unebenheit schmerzt ihn. In der Klinik denkt er plötzlich an etwas Wichtiges: „Ein gutes, neues Jahr.“ Die Ärztin erwidert den Wunsch.  

Eine Fahrt nach Neckargemünd wird unnötig, weil sich die Dinge dort geklärt haben. Im Stützpunkt des NEF kehrt Ruhe ein. Dr. Susanne Frankenhauser und Jürgen Klare beschäftigen sich, wie in fast jeder Pause, mit der Dokumentation ihrer Einsätze. Es wird keine einzige Tasse Kaffee getrunken. Wie bleibt man so lange fit? „Es ist die Motivation“, sagt Dr. Frankenhauser. Um sechs Uhr geht die Schicht von Jürgen Klare zu Ende. Draußen nieselt es, Vögel zwitschern. Ein Dank geht an alle, die Tag und Nacht im Einsatz sind, um Menschen in Not zu retten und ihnen zu helfen.

(Marion Gottlob)


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